SEACON 2014: Überraschend (wie immer)

seacon2014-logoDirekt nach meinem diesjährigen Vortrag bekam ich das schönste Kompliment, das man der SEACON-Konferenz machen kann: „Es sind genau diese überraschenden, ungewöhnlichen Vorträge, warum ich zur SEACON komme. Macht weiter so!“. Auch im sechsten Jahr hat die SEACON es offenbar geschafft, ihren Ruf als „etwas andere IT-Konferenz“ zu wahren.

Fragen, die uns staunen lassen

Dieser Meinung kann ich mich uneingeschränkt anschließen. Die zwei Tage hielten für alle Teilnehmer viele Überraschungen bereit und boten Raum zum Zuhören, Nachdenken und Diskutieren. Die Eröffnungs-Keynote setzte das erste Ausrufezeichen. Weltenbummler Dennis Gastmann lud uns ein zu einer Reise „mit 80.000 Fragen um die Welt“. Mit Ausschnitten aus seiner gleichnamigen Fernsehserie brachte er die Teilnehmer zum Schmunzeln und Lachen. Die Moral seiner Geschichten: die Welt ist verrückt, oft erschütternd, aber irgendwo gibt es immer einen Funken Hoffnung. Was das mit IT zu tun hat? Nichts. Und das ist gut so, denn auch darum geht es auf der SEACON: neue Perspektiven kennenzulernen und damit aus den gewohnten Denkweisen auszubrechen. Einen (versteckten) Bezug zu unserer Branche gab es dann doch, als Dennis Gastmann dazu einlud, einfache, neugierige Fragen zu stellen – so wie man sie von einem Kind erwarten würde. Solche Fragen, so Gastmann, durchdringen den Schutzwall vorbereiteter Antworten und führen den Fragenden direkt zum Kern der Wahrheit. Das probiere ich bei nächster Gelegenheit aus…

Bauklötze bauen, nicht staunen

SEACON1„Serious Play“ klingt nach einem Widerspruch. Das es keiner ist, zeigte Tina Busch, als sie uns LEGO® Serious Play® vorstellte. Die Theorie hinter dieser Moderationsmethode, die LEGO ursprünglich für den unternehmensinternen Gebrauch entwickelt hatte, ist wenig aufregend. Deshalb durften die Teilnehmer dieser Session LEGO® Serious Play® ausprobieren. Die Aufgabe: Baue innerhalb von fünf Minuten mit nur 15 Bausteinen ein Modell zum Thema „Team 3.0“. Unmöglich? Mitnichten: alle Teilnehmer hatten nach fünf Minuten ein Modell vorzuweisen, das sie mit dem Sitznachbarn diskutierten. Da ich LEGO® bereits in der Organisationsberatung und im Team Coaching erfolgreich einsetze, überraschten mich die guten Ergebnisse nicht. Es ist aber immer wieder ein besonderes Erlebnis, die Freude zu verspüren, mit der die spielend modellierenden Teilnehmer bei der Sache sind.

Wider den Konversations-Hochstapler

Die bunten Bauklötze eignen sich aber nicht nur zum Modellieren (und zum Spielen). Markus Wittwer hatte in seinem Vortrag über Lean Meetings noch einen weiteren Anwendungsfall im Gepäck. Nach einem Energie spendenden Check-in machte uns Markus mit dem größten Effektivitätsfresser in Meetings bekannt: dem Konversationsstapel. Der baut sich immer dann auf, wenn sich die Meeting-Teilnehmer nicht über die eigenen Bedürfnisse und die der anderen Teilnehmer im Klaren sind. Die Folge: jeder fügt sein eigenes Thema zum Meeting hinzu, sodass sich am Ende alle in den vielen Diskussionsfäden hoffnungslos verheddern. Kaum visualisiert man den Konversationsstapel (beispielsweise mit Hilfe von LEGO® DUPLO®), steigt die Achtsamkeit aller Teilnehmer. Plötzlich werden Themen zu Ende diskutiert, bevor ein neues Thema begonnen wird. Eine tolle Idee – wie so oft sind es die kleinen Dinge, die eine große Durchschlagskraft besitzen.

Anschließend musste ich die Konferenz leider vorzeitig verlassen. Ich verpasste die erste Pecha-Kucha-Session, was mich besonders ärgerte, denn ich liebe dieses rasante Format. Und ich verpasste eine Keynote Oliver Zeiler, die sich mit passenden Führungsansätzen für Wissensarbeiter beschäftigte – und nach Meinung vieler Zuhörer den Boden für meinen Vortrag bereitet hat.

Der Tag zum Nachdenken

Wenn ich den zweiten Konferenztag mit einem Begriff zusammenfassen sollte, dann mit dem Adjektiv „nachdenklich“. Das begann mit Wolfgang Strunks Odyssee, auf der er die Beteiligung aller Interessengruppen bei der Einführung eines elektronischen Tools zur Unterstützung von Scrum-Projekten suchte und schließlich auch fand. Die Erkenntnis dieser Reise: Mitbestimmung ist ein scharfes Schwert. Gut geführt kann es dabei helfen, unberücksichtigte Risiken ans Tageslicht zu fördern. So wurden im Laufe von Wolfgangs Odyssee viele Sicherheitsaspekte beleuchtet, die dem Mitarbeiter und dem Unternehmen zugute kamen. Mitbestimmung lässt sich aber auch zur Blockade einsetzen – etwa, wenn ein einzelner Mitarbeiter dafür sorgt, dass die Dokumentation der Software ins Deutsche übersetzt werden muss. Die gute Nachricht: der im Zusammenhang mit der Mitbestimmung oft gescholtene Betriebsrat hat sich als professioneller und kooperativer Reisepartner präsentiert. So entstand am Ende der Reise ein für alle Seiten tragfähiger Kompromiss in Form einer Betriebsvereinbarung für den Einsatz des Scrum-Tools.

Die Kraft der Konflikte

Nachdenklich ging es weiter. Christel Sohnemann ermutigte die Teilnehmer ihrer Session, Konflikte offen und zielgerichtet anzugehen. Der Lohn dieses Kraftakts ist ein besseres Miteinander auf der sozialen Ebene, das neue Kräfte freisetzt – zugunsten der Produktivität und somit dem Wohl des Unternehmens. Dazu ist es zunächst notwendig zu verstehen, wie wir in Konfliktsituationen agieren, und warum wir dies tun. Hier setzt die gewaltfreie Kommunikation an, die ich wie folgt zusammenfassen möchte: „Erst wenn Du Deine Bedürfnisse kennst und die Deines Gegenübers zu ergründen suchst, hast Du die Basis für eine Lösung geschaffen, mit der alle als Gewinner aus dem Konflikt hervorgehen können.“ Christels Beispiele aus Ihrer langjährigen Coaching-Praxis gingen unter die Haut, was auch auf ihre besondere Fähigkeit als Geschichtenerzählerin zurückzuführen ist. Sie versteht es, die Zuhörer in ihre Geschichten eintauchen zu lassen – ein Angebot, dem ich gerne gefolgt bin.

Das Gesetz der zwei Füße

SEACON3Das „Gesetz der zwei Füße“ des Open Space, demnach jeder Teilnehmer jederzeit zwischen den verschiedenen parallelen Diskussionsrunden und Themen wechseln kann, galt nicht für mich, da ich in einer Session die Aufgabe der Moderation übernommen hatte. Das hat auch Vorteile, denn so konnte ich mich mit einem Thema beschäftigen, an dem ich vermutlich sonst vorbeiflaniert wäre: „Bring your Own Device (BYOD) in Unternehmen“ hatte Natalia Mannov von der Universität Hamburg ihr Thema betitelt. 45 Minuten lang beschäftigten wir uns mit der Notwendigkeit, den technischen Voraussetzungen und Alternativen zur Nutzung eigener mobiler Endgeräte im beruflichen Kontext. Das Ergebnis machte nicht nur die Initiatorin zufrieden (die zu diesem Thema im Rahmen des Projekts MUSES übrigens noch Kontakte zu Unternehmen sucht, in denen BYOD ein Thema ist). Auch die Ergebnisse der anderen Open-Space-Arbeitsgruppen waren beachtlich, wie wir bei der Ergebnispräsentation erleben durften. Es zahlt sich eben aus, wenn man nicht nur hochkarätige Sprecher einlädt, sondern auch den Wissensschatz der Konferenzteilnehmer hebt. Open Space ist ein Ausdruck einer neuen Denk- und Arbeitsweise, der ich in meinem Vortrag „Die Agile Organisation? Warum?“ ein Stück weit näher kommen wollte. Ich habe viele Fragen gestellt und bei Weitem nicht alle beantworten können. Warum? Weil die Transition zur agilen Organisation ein individueller und lang laufender Prozess ist, den man nicht in 45 Minuten abschließend erläutern kann. Das wäre auch nicht agil…

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Treffpunkt SEACON

Die Zeit bis zur abschließenden Pecha-Kucha-Runde verbrachte ich mit guten Gesprächen. Viele Teilnehmer der SEACON kenne ich schon lange und sehe sie viel zu selten. Da sind Konferenzen immer ein willkommener Anlass zum persönlichen Austausch. Das übersichtliche Raumkonzept und die vielen Stehtische und gemütlichen Sitzgelegenheiten auf der SEACON förderten diesen Austausch. Da die Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr nahezu unverändert geblieben sind, konnte wieder der Konferenzbereich des Radisson Blu Hotel genutzt werden.

Nach zwei Tagen SEACON kan ich das Fazit ziehen, dass diese Konferenz, die ich vor sechs Jahren mit aus der Taufe heben durfte, sich selbst treu geblieben ist, ohne dabei langweilig zu werden. Das klingt ganz einfach, aber ich weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt. Deshalb gilt mein abschließender Dank dem Fachbeirat und dem Veranstalter, die uns diese „Plattform zum Schnacken und Lernen“ zur Verfügung gestellt haben.