Agile Digitale Transformation: Mehr als Buzzword Bingo?

Zugegeben: Ich war skeptisch, was eine Konferenz mit drei aktuellen Themen im Titel bringen mag. Vortragsbrei? Allgemeine Abhandlungen auf Reiseflughöhe? Ja, auch das. Aber zwischendrin tolle Entdeckungen.Das fing mit der Keynote von Boris Gloger an. Dass Digitalisierung vor allen ein Thema von, mit und für Menschen ist, war mir nicht neu. Das hat schließlich schon Dieter Zetsche erkannt – und vermutlich nicht erst, als er sich auf einer Safari durchs Silicon Valley für Daimler inspirieren ließ. Boris ist es gut gelungen, den Weg von einer neuen Haltung über neues Denken zu einem neuen Arbeiten zu illustrieren. Software Engineering ist mehr Kunst als Ingenieurwissenschaft: Das spüren die Automobilkonzerne, wenn Tesla ihnen vormat, dass die Macht heute in der Software steckt. Jetzt müssen sie nur noch handeln.

Leichter gesagt als getan. Und oft nicht einmal leicht gesagt, denn Kommunikation ist ein schwieriges Thema, wie Georg Blume-Schulz in seinem Vortrag deutlich gemacht hat. Wenn Tradition (klassische Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen) auf Moderne (Agile Mindset) trifft, dann helfen seiner Meinung nach drei Dinge: Fragen und Gegenfragen, Akzeptieren und Verstehen, Handeln und Beraten. Der schwierigste Schritt ist das Akzeptieren dieser Unterschiede und das Verstehen der wahren Bedürfnisse meines Gegenübers, so Blume. Und: Kommunikation ist ein iterativer Prozess. Dem kann ich mich uneingeschränkt anschließen.

„First learn to stand. Then learn to fly“. Auch das ist iterativ. Und ein Zitat aus dem 1984 erschienenen Film „Karate Kid“. Ingrid Vukovic und ihr Kollege Philipp Pichler haben die aus den Kampfkünsten bekannten (und angeblich im Westen erfundenen!) farbigen Gurte auf die Teamentwicklung übertragen. Ihre Agile Coaching Matrix ist der Rahmen für die Weiterentwicklung der Coachees in verschiedenen Fertigkeiten – von „Welcome Change“ bis „Retrospektiven“. Diese Matrix ist für alle transparent. Und dynamisch. Klingt auf jeden Fall besser als ein starres Weiterbildungsprogramm.

Thomas Lieder und Andreas Erber haben mit ihrem ehrlichen und kurzweiligen Vortrag in die Arbeit eines großen Technologie- und Transformationsprojekts bei EOS gegeben. Auch als Insider (ich bin selber Teil des mittlerweile mehr als 65 Personen großen Teams) habe ich noch en paar neue Erkenntnisse gewinnen können. Und ich bin stolz auf die vielen kleinen und großen Kultur-Hacks, mit denen wir den Konzern seit mehr als zwei Jahren irritieren und inspirieren. Aus Andreas‘ und Thomas‘ Vortrag stammt das Zitat, das sich alle Konferenzbesucher zu Herzen nehmen sollten: „Nich lang schnacken – machen!“.

Auch Andrea Grass und Michael Hofmann haben aus dem Nähkästchen geplaudert. Sie beschrieben den Weg ihrer Firma oose Innovative Informatik zur Genossenschaft. Das solch ein Weg steinig und anstregend ist, sollte keine Überraschung sein. Trotzdem reden wenige Beteiligte so offen darüber. Der Vortrag hat Mut gemacht, die Strukturen im eigenen Unternehmen infrage zu stellen und dort zu verändern, wo sie nicht hilfreich sind.

Rolf Dräther und ich haben die Metaphern und Gleichnisse unseres noch ganz frischen Buchs „Neue Geschichten vom Scrum“ in den Mittelpunkt unserer Session gestellt. Die Teilnehmer durften live abstimmen, in welcher Reihenfolge wir uns den Metaphern lesend widmen sollten. Vielen Dank für das ehrliche Feedback zu Format und Inhalten. Wichtigste Erkenntnis: Wenn man beim Vorlesen mitten in ein Buch hineinspringt, muss man den Zuhörern vorher den Kontext erläutern. Solch ein Fauxpas passiert hin und wieder auch gestandenen Agilisten …

In seiner Keynote am zweiten Tag der Konferenz hat Björn Schotte noch einmal deutlich gemacht, dass heute die Konsumenten die Macht haben. Diese Erkenntnis ist nicht neu – sie wurde bereits 1999 im Cluetrain Manifesto beschrieben. Und wir müssen damit leben. Aber radikaler Kundenfokus kann funktionieren – und eine agile Haltung und Arbeitsweise kann dabei helfen. Die Liste von Björns Empfehlungen reichte von kleinen Teams mit hoher sozialer Dichte bis hin zu der Forderung nach IT-Kompetenz in den Vorständen.

Und was passierte dazwischen? Es wurde viel genetzwerkelt. Und so sehr ich meine Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Beratungs- und Schulungsunternehmen auch schätze – es wäre erfrischend gewesen, wenn mehr „echte“ Anwender agiler Vorgehensmodelle, Unternehmer auf dem Weg der Digitalisierung und Beteiligte von Transformationen den Weg ins Konferenzhotel gefunden hätten. Vielleicht im nächsten Jahr … sonst muss ich am Ende doch Daniel Dubbel zustimmen, dessen Konferenzfazit auf Twitter so ausfiel: „Es gibt zu viel ziellosen Methodenbullshit und wir reden alle immer über das Gleiche. Dabei wissen wir doch längst, was zu tun ist und machen es bereits. collaborate, deliver, reflect, improve…“.