Die Konferenz des Jahres: XP Days Germany

Mein Urteil steht fest: Die XP Days Germany 2009 in Karlsruhe war meine persönliche Lieblings-Konferenz dieses Jahres. Warum?

Beginnen wir mit dem Call for Papers. Das offene Verfahren, in dem die Einreichungen von allen kommentiert und bewertet werden können, führte iterativ zu besseren (weil verständlicheren) Sessionbeschreibungen. Das half zunächst einmal dem Programmkomitee bei der Auswahl der Sessions. Es half aber insbesondere auch den Teilnehmern, weil diese aus den langen Beschreibungen sehr gut ablesen konnten, was sie in den verschiedenen Sessions erwartet. Das ist ein großer Vorteil gegenüber anderen Konferenzen, bei denen die Sessionbeschreibungen sehr kurz sein müssen (Beispiel OOP: 500-600 Zeichen). Allerdings verhindert auch das offene Einreichungsverfahren der XP Days nicht das klassische Klüngelverhalten („Den Einreicher kenne ich – der Vortrag muss gut sein“). Dieses tritt allerdings in deutlich abgeschwächter Form auf und ist vor allem transparent (weil jeder Kommentar für alle sichtbar ist).

Das Programm kann ich nur als hochkarätig bezeichnen – und das trotz des krankheitsbedingten Ausfalls einiger Sprecher. Auf diese Weise bekam ich die Chance, meinen Pecha-Kucha-Vortrag „Mein agiler Koffer“ noch einmal halten zu dürfen. Der Flurfunk nach den drei Pecha-Kucha-Sessions lässt sich in folgender Aussage zusammenfassen: Pecha Kuchas sind kurzweilig und schmeicheln das Auge mit schönen Bildern und wenig Text. Allerdings ist der rote Faden dieser Vorträge nur schwer erkennbar. Wenn ich auf meinen eigenen Vortrag zurückblicke, dann kann ich das bestätigen. Da ich dieses Format lieben gelernt habe, nehme ich die Kritik zum Anlass, um an genau diesem Punkt anzusetzen und die Kernaussage (mehr als eine kann es in 6 Minuten und 40 Sekunden kaum geben) noch besser herauszuarbeiten.

Insgesamt hat mich die Mehrzahl der Vorträge vor allem deshalb überzeugt, weil sie Denkanstöße gegeben haben, anstatt vermeintliche Patentlösungen zu postulieren. Genau diese Aufforderung zum Blick über den Tellerrand ist es, was ich von Fachkonferenzen erwarte. Andere Teilnehmer waren mit diesen ergebnisoffenen Sessions weniger zufrieden, aber allen kann man es wohl kaum recht machen.

Jens Coldewey hat auch ohne seinen Vortragspartner Henning Wolf (lag krank zu Hause im Bett) das Problem der Wissensinseln in Projekten und Unternehmen anschaulich aus verschiedenen Perspektiven dargestellt und die Diskussion darüber eingeleitet, wie man diese Inseln verhindern kann.

Roman Pichler ging der Frage nach, was eigentlich vor dem ersten Sprint passiert. Im wesentlichen ging es in seinem Vortrag um die Frage, wie eine gute Vision aussieht. Diese Vision vor Augen, können dann die eigentlichen Sprints erfolgreich in Angriff genommen werden. Sehr gut gefallen hat mir sein Bild einer Produktvision, das er mit der ersten Skizze eines Gemäldes verglich. In der Skizze sind alle wesentlichen Inhalte des Bildes bereits angedeutet, aber nur knapp umrissen. Anschließend macht sich der Maler dann an die Ausgestaltung – und nichts anderes passiert in den Sprints. Eine solche Vision lässt sich übrigens auch mit Hilfe der Scrum-„Bordmittel“ erzeugen.

Spannend war der (gelungene) Versuch von Martin Heider und Jens Coldewey, in nur 30 Minuten das Konzept der Story Maps anhand eines praktischen Beispiels (Artikeleinreichung beim OBJEKTspektrum) zu erläutern. Die Grundideen haben beide verständlich vermitteln können, aber für die erfolgreiche praktische Umsetzung kommt man nicht umhin, die Ärmel hochzukrempeln und es selbst zu versuchen.

Die Keynote von Alistair Cockburn war kurzweilig. Seiner Meinung nach gibt es drei wichtige Ingredienzen für erfolgreiche agile Softwareentwicklung im 21. Jahrhundert: Craft, Cooperative Games und Lean Processes. Die Craftsmanship-Bewegung ist nicht neu, aber interessant war die Parallele zu den drei Ebenen des Lernens aus den japanischen Kampfkünsten: „Shu“ bezeichnet die erste Stufe, auf der die Grundlagen einer Technologie traditionell gelernt werden. Auf der zweiten Stufe namens „Ha“ erweitert der Lernende seine Sichtweise, hinterfragt das Gelernte und sucht nach neuen Wegen – bricht also mit der Tradition. Auf der dritten Stufe – „Ri“ – handelt man intuitiv, ohne sich bewusst auf das Erlernte zu beziehen. Auf dieser Stufe entstehen neue Techniken aus der Kombination bestehender Ansätze.

Sehr anregend war auch der Vortrag von Markus Wittwer. Er stellte Spiral Dynamics vor – ein Modell über die Wertentwicklung von Menschen und Kulturen. Den verschiedenen Stufen ist jeweils eine Farbe zugeordnet. Aus der persönlichen Einordnung auf dieser Farbskala und der Einordnung der Organisation (Arbeitgeber, Kunde) ergibt sich ein überschaubares Wertebild – und eine mögliche Erklärung dafür, warum man oft das Gefühl hat, dass manche Dinge nicht so laufen, wie man es gerne hätte.

Christoph Mathis begab sich auf die Suche nach den idealen Skills, Arbeitsweisen und Umgebungen für agile Teams. Auch hier spielte die Software Craftsmanship eine große Rolle. Dieser Professionalität in der Softwareentwicklung hat sich auch die deutsche Initiative clean-code-developer.de verschrieben. Zur Analyse der agilen Skills haben Brian Marick et al. die sieben Säulen agiler Teams definiert.

Am Community Day konnte ich leider nicht teilnehmen. Den Tweets nach zu urteilen, habe ich einen spannenden interaktiven Tag verpasst.

Ich freue mich schon auf die XP Days Germany 2010, die wieder heimatnah in Hamburg stattfinden werden.