Wie Hochschulen (unbewusst?) auf das Berufsleben vorbereiten

Pra|xis|schock

Enttäuschung über bzw. bittere Erfahrung der großen Kluft zwischen dem erworbenen theoretischen Wissen und den tatsächlichen Anwendungsmöglichkeiten in der [Berufs]praxis. (Duden)

Dieses Schicksal ereilt jährlich viele Absolventen, wenn sie frisch in das Berufsleben einsteigen. So zumindest dachte ich bisher, und so hatte ich es damals erlebt. Diese Woche lernte ich eine neue Perspektive kennen.

Ich hatte bei einem meiner Kunden, einem weltweit tätigen Konzern, einen Termin mit einer Praktikantin, um ihr den Einstieg in das Redaktionssystem einer Portalplattform zu erleichtern. Eine ihrer Aufgaben war es, eine Broschüre auf einer bereits bestehenden Webseite zu hinterlegen. Technisch kein Problem – allerdings fehlte die Broschüre. Diese befand sich noch in der Abstimmung, was in einem Konzern (insbesondere zur Urlaubszeit) lange dauern kann. „Ich werde von jedem Ansprechpartner an einen weiteren Ansprechpartner verwiesen, und der hat entweder keine Zeit oder ist im Urlaub“, entschuldigte sie sich. Ich versuchte sie zu beruhigen: „Das ist ganz normal in einem Unternehmen dieser Größenordnung. Wenn Sie einige Zeit hier gearbeitet haben, dann werden Sie das nicht mehr als Problem empfinden.“ Darauf antwortete sie: „Ich kenne das bereits – genau so war es bei uns an der Hochschule.“ Ich war verblüfft: auch ich hatte in meiner Studienzeit manchmal über die Bürokratie an der Uni geschimpft. Hätte ich diese Erfahrung auf meinen ersten Arbeitgeber übertragen, dann wäre mir eventuell der Praxisschock erspart geblieben.

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht mit den Parallelen zwischen Uni und Unternehmen. Je länger ich darüber nachdenke, desto differenzierter ist mein Bild von der Bürokratie in der Hochschule. Die spürte ich vor allem im organisatorischen Rahmen, beispielsweise in der fehlenden Transparenz bei Kursbelegungen, Klausuren und Prüfungsvoraussetzungen und der ewigen Suche nach Ansprechpartnern. Den Bereich der Forschung hingegen erlebte ich in meinem Studiengang als offen und zielgerichtet. Den bürokratischen Anteil der Forschung erledigten die Assistenten und studentischen Hilfskräfte – dadurch wurde ich als „normaler“ Student bestmöglich entlastet.

In vielen Unternehmen gelingt diese Trennung von freiem Arbeiten und Bürokratie höchst selten. Es fehlt zudem an Menschen, die den Puffer zur bürokratischen Halbwelt bilden. Ich glaube sogar, dass das gut ist, weil somit jeder mit den organisatorischen Rahmenbedingungen umgehen muss. Das erzeugt Leidensdruck. Ist dieser hoch genug, dann birgt er Potenzial für Veränderungen und Innovationen, die oft eine Bürokratieabbau zur Folge haben. Die persönliche Betroffenheit ist meiner Meinung nach der stärkste Motivator für Veränderung. Deshalb soll Bürokratie erlebbar sein – für alle.

Zum Schluss ein Wort an alle Leserinnen und Leser, die an einer Hochschule arbeiten: bitte nehmen Sie diese neue Perspektive nicht zum Anlass, die Bürokratie in den Rang der idealen Vorbereitung aufs Berufsleben zu heben. Lehren und leben Sie stattdessen lieber das Prinzip der kontinuierlichen Verbesserung (Kaizen) und eine Kultur der Zusammenarbeit, damit wir in Zukunft in den Unternehmen mehr Demokratie und weniger Bürokratie wagen.