Agile World 2013: Schöne neue Welt?

Gute Vorträge, kollaborative Formate (World Cafe, Fishbowl) und Workshops sowie viel Raum fürs Diskutieren und Netzwerken: die Agile World, die am 27. und 28. Juni in München stattfand, ist eine Bereicherung für die (deutschsprachige) agile Welt.

Am ersten Konferenztag konnte ich leider nicht teilnehmen. Da die Veranstaltungen dieses Tages in den Gesprächen rund um das Büffet immer wieder positive Erwähnung fanden und die dokumentierten Ergebnisse des World Cafe auf gute Diskussionen schließen ließen, scheine ich einiges verpasst zu haben.

Der Weg zur Agile World wurde zur Reise in eine neue Arbeitswelt, als ich erstmals das Campeon betrat. Der in eine Parklandschaft eingebettete Bürokomplex von Infineon bietet alles, was man zum Arbeiten braucht, und darüber hinaus einiges, was man zum Leben benötigt: Kindergarten, Bäcker, Läden, Kantine und Fitnessstudio – das Campeon braucht man kaum noch zu verlassen. Die Mini-Stadt verfügt sogar über eine eigene Feuerwache! Nun kann man diese Architektur natürlich als arbeitgeberfreundlich auslegen, denn je weniger die Angestellten ihr tägliches Leben außerhalb des Campus verbringen müssen, desto mehr können sie arbeiten. Ich glaube an das Gute im Arbeit gebenden Menschen und vermute deshalb, dass die Infineon-Mitarbeiter eine Arbeitsumgebung zur Verfügung gestellt bekommen haben, die den bestmöglichen Rahmen für störungsfreies Arbeiten und eine gute Work-Life-Balance bietet.

Agile Leadership

Im Track „Agile Leadership“ begann der Tag mit dem Beitrag „Der Foerster und die Selbstorganisation“, in dem Rolf Dräther und ich die Gedanken des Kybernetikers und Querdenkers Heinz von Foerster zum Thema Selbstorganisation in einer Kombination aus Vortrag und Lesung vorstellten. Daran inhaltlich anschließend gab Eike Reinel einen guten Überblick über die Herausforderungen, Rahmenbedingungen und Theorien für Management und Führung in agilen Organisationen. Einige dieser Theorien sind schon sehr alt: Douglas McGregor entwickelte seine Motivationstheorien X und Y bereits in den 1960er Jahren. Andere werden gerade neu entwickelt und diskutiert, z.B. im BetaCodex Network. Gründe, warum viele Organisationen diese Ideen immer noch nicht aufgegriffen haben, gibt es viele: Beharrungskräfte, oft ausgelöst durch die Angst, die eigene Komfortzone verlassen zu müssen, und die grundsätzliche Angst vor Veränderung (selbst zum Guten) lassen die agile Reise zum Abenteuer werden.

Anschließend stellte Nisar Hussain ein Modell für ein verteilt arbeitendes Scrum-Team vor, das er bei Infineon im praktischen Einsatz verwendet. Dieses Modell wurde kontrovers diskutiert, denn so richtig glücklich war niemand damit – selbst der Vortragende nicht.

Allgegenwärtig im Dunstkreis des agilen Managements scheint Jurgen Appelos Sammlung agiler Management-Praktiken zu sein, die er unter dem Namen „Management 3.0“ vermarktet. Jürgen Dittmar, systemischer Berater und lizenzierter Management-3.0-Trainer, unterschied deutlich zwischen den Begriffen „Management“ und „Führung“. Management definierte er als vom Taylorismus geprägte Geisteshaltung, bei der ein Manager den Kopf („Head of xxx“) einer Gruppe operativ tätiger Weisungsempfänger ist. Führung hingegen ist seiner Meinung nach eine visionäre und zweckdienliche Tätigkeit: eine gute Führungskraft geht mit einer starken Vision voran und lädt ihr Team ein, gemeinsam auf eine Reise zu gehen. Jürgen wies außerdem darauf hin, dass individuelle Prämien ein lähmendes Gift für erfolgreiche, vernetzte Wissensarbeit sind.

In den vier Vorträgen hatte das Publikum mindestens genug, wenn nicht gar zu viel Input für die anschließende Fishbowl gesammelt. Moderator Christian Waldorf, der den gesamten Vormittag angenehm ruhig, aber gewissenhaft durch die Session geführt hatte, konnte die Diskussion mühelos in Gang bringen. Zunächst ging es noch einmal um die Begriffe Management und Führung. Anstatt wie bisher mit dem Begriff „Management“ vor allem Status, Macht und Privilegien zu verknüpfen und die Aufgabe des Managers höher zu bewerten als die eines Facharbeiters, soll Management zukünftig als Rolle verstanden werden, die gleichwertig neben anderen agilen Rollen (Product Owner, Entwickler) steht. Unzufriedenen Mitarbeitern, die aus Karrieregründen zum Manager gemacht wurden, steht dann der Weg zurück in die fachliche Arbeit wieder offen. Auf diese Weise werden unglückliche Manager wieder zu guten Fachexperten. In diesem Zusammenhang äußerte ein Teilnehmer die Sorge, dass ein Unternehmen im Laufe einer agilen Transformation wertvolles Wissen verliere. Meine These: dieses Wissen haben die Unternehmen bereits verloren, als sie die Fachexperten zu Führungskräften beförderten.

Viel Raum nahm die Diskussion über Unternehmenskultur ein. Meiner Meinung nach kann eine Kultur nicht entwickelt werden; sie ergibt sich aus dem Verhalten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das wiederum ist bestimmt durch die Rahmenbedingungen, die unter anderem vom Management geschaffen werden.

Wir hätten noch stundenlang weiter diskutieren können, aber dann hätten wir die Mittagspause verpasst. Rückblickend betrachtet waren vier Vorträge mindestens einer zu viel, um anschließend eine Fishbowl zu diesem Themenspektrum durchzuführen. Nach zweieinhalb Stunden geballtem Input kann zumindest ich mich kaum noch an die Ergebnisse und Thesen des ersten Vortrags erinnern. Hier wäre weniger mit Sicherheit mehr gewesen – nicht zuletzt auch mehr Zeit für die Fishbowl.

Der Scrum Master als Team Coach

Den Nachmittag verbrachte ich im Workshop „Der Scrum Master als Team Coach“. Christoph Mathis und Rolf F. Katzenberger vertraten den kranken Pierluigi Pugliese (gute Besserung!). Beide hielten sich bewusst sehr zurück, um den versammelten Scrum Mastern das Erlebnis zu gönnen, in einem teamdynamischen Prozess mittendrin statt nur dabei zu sein. Das begann schon bei der Sammlung und Auswertung der Erwartungen an den Workshop. Das Divergieren (Brainstorming-Phase) klappte wunderbar, nur das Konvergieren nahm einige Zeit in Anspruch. Wie gut, dass es immer jemanden gibt, der einen pragmatischen Vorschlag so ergebnisorientiert zu formulieren vermag, dass sich viele darauf einlassen können.

Immer wieder wurden wir darauf hingewiesen, dass agile Übungen und Spiele nur dann den gewünschten Erkenntnisgewinn bringen, wenn sie eine einfache Grundstruktur beherzigen: Setup, Durchführung und (wichtig!) Debriefing.

Nach einer Kurzvorstellung der verschiedenen Rollen, die ein Scrum Master einnehmen kann (vom Evangelisten bis zum Coach), sollten wir bewerten, wie stark wir jede dieser Rollen heute leben, und wie unsere Rollenaufteilung zukünftig aussehen soll. Diese Übung führten wir in Dreiergruppen durch. In dieser Gruppe berieten wir uns gegenseitig, wie wir vom heutigen zum zukünftigen Rollenverständnis kommen können. Die Ratschläge wurden von allen bereitwillig angenommen – eine schöne Erinnerung daran, dass man sich als Scrum Master regelmäßig austauschen, Feedback einholen und rechtzeitig Rat einholen soll.

Anschließend sollten wir die Frage „Was hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin?“ in einem Bild visualisieren und möglichst vielen anderen Teilnehmern vorstellen. Ziel dieser Übung war es, die Teammitglieder als Menschen kennenzulernen. Je besser ich den Menschen kenne, desto besser kann ich dessen (Re-)Aktionen und Äußerungen einordnen. Aus dieser Idee heraus sollten wir einen Workshop entwickeln. Es galt, das Ziel und die Inhalte des Workshops festzulegen. Auch hier sollte wieder auf die Struktur der Inhalte geachtet werden (Setup, Durchführung, Debriefing). Der wichtigste Hinweis aber war meiner Meinung nach der folgende: eine gute Workshop-Vorbereitung darf nicht verhindern, dass man den Verlauf des Workshops an die Bedürfnisse der Teilnehmer anpasst. Christoph und Rolf empfahlen, mit einem Koffer voller guter Coaching-Werkzeuge und einer soliden Vorstellung vom Ablauf in den Workshop zu starten – in dem Wissen, dass sich die Welt (und auch ein Workshop) jederzeit verändern können.

Der Workshop bot einen intensiveren Austausch mit den anderen Konferenzteilnehmern, als es bei den anderen Formaten (Vortrag+Fishbowl) der Fall war. Mich hat der sehr offene und konstruktive Umgang miteinander beeindruckt. Und ich habe viel gelernt – sowohl von den Coaches als auch von den Teilnehmern.

Fazit

Die Agile World ist eine gut durchdachte und professionell durchgeführte Veranstaltung mit einem facettenreichen Programm, die von der Unterstützung durch große Unternehmen (Infineon und Telefónica) profitiert. Das Themenspektrum hat mich sehr angesprochen, und ich habe viele neue interessante Menschen aus der agilen Community kennengelernt. Mein Dank gilt allen Organisatoren und Veranstaltern, die mit der Agile World für die agile Welt einen tollen Rahmen für Lernen und Austausch geschaffen haben.

2 Gedanken zu „Agile World 2013: Schöne neue Welt?

  1. Danke für die Zusammenfassung. Ich fand die Agile World auch sehr gelungen. Schön, dass ich durch Deine Post etwas am Workshop teilnehmen konnte 🙂

  2. Pingback: My summary of agile world #awrld2013 – OnTheAgilePath

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