Na gut – dann zwitschere ich eben auch…

Einer Informatiker-Generation entstammend, die noch Clipper-Programme auf IBM-PCs mit 8086-Prozessor hat laufen sehen (wir sprachen heute in der Firma darüber), habe ich mich immer gefragt, was es mit diesem Tumult rund um Twitter und andere Phänomene des Web 2.0 auf sich hat. Jetzt habe ich nach langem Suchen und Fragen tatsächlich eine sinnvolle Anwendung gefunden: Die Organisatoren der XP Days Germany publizieren den Fortschritt des offenen Review-Prozesses für Vortragseinreichungen auf Twitter. Wäre ich doch bloß nicht so neugierig… Ob man für diese Funktion allerdings das Web 2.0 hätte erfinden müssen, bleibt fraglich.

Natürlich habe ich sofort einen Twitter-Client auf dem iPhone installiert. Meine Wahl fiel auf TwitterFon. Bisher bin ich damit zufrieden.

SEACON, Tag 2

Heute hatte ich etwas mehr Zeit, um Vorträge zu besuchen. Zwischendrin durfte ich noch eine spannende Open-Space-Diskussion moderieren. Aber der Reihe nach:

Dirk Krafzig hat sehr schön die Rolle des Service Owners in einer serviceorientierten Organisation skizziert. Hier geht es nicht um die Kompatibilität von Web Services, sondern um die Vermarktung von wertschöpfenden Diensten. Letzteres ist ungleich schwieriger (vielleicht sogar komplex?) und verlangt nach einer charakter-und durchsetzungsstarken Person. Mich hat der „Steckbrief“ für den idealen Service Owner an den Product Owner aus Scrum erinnert, der eine ähnlich anspruchsvolle inne hat. Wer allein die technischen Unzulänglichkeiten der SOA-Werkzeuge für den schleppenden Erfolg einer SOA-Initiative verantwortlich macht, der hat laut Krafzig die wahren Probleme noch nicht erkannt. Diese These konnten einige Zuhörer mit konkreten Beispielen illustrieren.

Die von mir moderierte Open-Space-Diskussion trug den schönen Namen „Ohne gute Namen keine gute Software“. Dahinter steht die These, dass die „ungeschickte“ Benennung von Codeelementen einen beachtlichen (negativen) Einfluss auf die Qualität und folglich die Akzeptanz von Software hat. Inspiriert von Wolf Lotters Eröffnungsrede am Vortag machten wir uns daran, die Wurzeln des Übels der nachlässigen Namensgebung zu finden. Schlamperei, fehlende Erfahrung, bewusste Verschleierung und fehlende Freude am Umgang mit Sprache waren einige der Gründe, die wir herausgearbeitet haben. Und wir stellten uns die Frage, ob es immer eine Terminologie gibt, die von Fachbereich und IT-Abteilung gemeinsam benutzt werden kann. Eine große Herausforderung bei der Suche nach einer solchen gemeinsamen Sprache ist die von der IT geforderte Formalisierung, die vielen Fachbereichen schwerfällt. Die interdisziplinär besetzte Runde (eine Diplom-Übersetzerin und ein paar sprachaffine Informatiker) war am Ende überrascht, wie vielschichtig sich die Diskussion zu einem ursprünglich sehr technisch anmutenden Thema entwickelt hatte.

Den tollen Vortrag von Horst Zuse, in dem er anhand vieler Anekdoten und Originaldokumente die Pionierleistung seines Vaters Konrad auf dem Gebiet der Computertechnik lebendig werden lässt, hatte ich schon auf der diesjährigen JAX gehört. Diesen Vortrag möchte ich jedem IT-geschichtlich Interessierten ans Herz legen.

Der Regatta-Sieger in der Klasse „Einer ohne PowerPoint (oder Keynote)“ war Stefan Tilkov. Dessen MacBook Air hatte Kommunikationsprobleme mit der Präsentationstechnik, die Stefan ganz pragmatisch löste: Er hielt den Vortrag folien- und einwandfrei. Jetzt weiß auch ich mit dem Akronym REST etwas anzufangen.

Von den Kurzvorträgen erhaschte ich nur zwei. Die bestätigten, dass es enorm schwer ist, ein Thema in nur zehn Minuten umfassend genug darzustellen. Dann hieß es auch schon: Messestand einpacken! Die erste SEACON war zu Ende. Das Stimmungsbild, das ich im Laufe des Tages ermittelt habe, war durchweg positiv. Die meisten Pluspunkte sammelte die SEACON durch die „alternativen“ Formate Open Space und Fishbowl, aber auch der reibungslose Service und die Küche des Hotel Atlantic wurden mehrfach lobend erwähnt. Mir gefiel die überschaubare Größe, die ich auch bei der SET in Zürich so angenehm finde. Auch aus Sicht eines Konferenz-Sponsors (ich war für meinen Arbeitgeber Holisticon im „Gründerkreis“ der SEACON aktiv, für uns war dies zugleich die erste Konferenzausstellung mit eigenem Stand) war die SEACON eine attraktive Veranstaltung. Nun bin ich gespannt auf die Nachbesprechung und freue mich auf die hoffentlich stattfindende SEACON 2010!

SEACON 2009

Und das sagen andere zur SEACON:

SEACON, Tag 1

Das Experiment, eine Konferenz rund um Software Engineering im Norden zu wagen, kann man nach dem ersten Konferenztag als geglückt bezeichnen. Das war auch der Tenor meiner (nicht repräsentativen) Umfrage unter Teilnehmern, Ausstellern und Veranstalter. Das Geheimnis der SEACON liegt in der Mischung. Man beginne mit feinsinnigem Journalismus. Wolf Lotter, Mitbegründer von brand eins und Verfasser der Leitartikel zu den Schwerpunktthemen dieses Wirtschaftsmagazins, fragte in seinem Eröffnungsvortrag: „Worüber reden wir hier eigentlich?“ Sein Plädoyer für einen bewussten und pfleglichen Umgang mit Sprache war eindringlich und humorvoll zugleich. „Wenn Ihre Kunden [aufgrund der vielen Buzzwords] nur noch Bahnhof verstehen, dann werden sie wegfahren – das tut man schließlich an Bahnhöfen.“ Wie wahr…

Dass die SEACON keine Kopie der großen deutschen IT-Konferenzen sein sollte, wurde den Teilnehmern spätestens beim Open-Space-Marktplatz bewusst. Hier war Mitarbeit gefragt. Und es wurde fleißig mitgearbeitet – sogar so schnell, dass Bernd Oestereich und Jochen Meyer den Marktplatz aufgrund der beschränkten Raumkapazität vorzeitig schließen mussten. Die Open-Space-Diskussionen selbst verliefen nach den Aussagen der Moderatoren recht gut. Morgen gibt’s die Ergebnispräsentation, dann wissen wir mehr.

War der Open Space aus Sicht der Teilnehmer noch eines der einfacheren Formate, so gehörte beim Fishbowl schon eine Portion Mut dazu, um sich aus dem Plenum auf einen der fünf Diskussionsplätze zu begeben – und damit einen der anderen vier Diskutierenden zu verdrängen. Um so überraschter war ich, als sich sehr schnell und ganz natürlich eine lebhafte Fishbowl-Diskussion über komplizierte und komplexe Probleme entwickelte.

Schließlich durfte ich noch an einer Expertenbefragung zum Thema Agilität teilnehmen. Es gibt aus meiner Sicht bessere Formate, um Inhalte zu vermitteln – zwei habe ich oben bereits genannt.

Natürlich gab es auch die klassischen Fachvorträge, von denen ich nur Klaus Marquardts Ausführungen über den Umgang mit Komplexität in Projekten gelauscht habe. Mir gefiel die Mischung aus Thesen und Indikationen für Komplexität, die zum Nachdenken anregte, wenngleich ich ein etwas anderes Verständnis von komplexen und komplizierten Problemen habe (siehe Fishbowl).

Ich war sehr zufrieden mit dem ersten Tag dieser neuen Konferenz. Natürlich gibt es hier und da noch Verbesserungsmöglichkeiten, aber dem Anspruch, etwas anders zu sein als die anderen Konferenzen (aber mindestens genau so gut), ist die SEACON schon an Tag 1 gerecht geworden.

Expertenbefragung: Was Sie schon immer zum Thema Agilität fragen wollten

Eine Expertenbefragung zum Thema Agilität ist sicherlich eine gut gemeinte Idee. Das Thema ist aktuell, und es gibt noch eine Menge Informationsbedarf. Problematisch fand ich, dass man schwer einzuschätzen konnte, wie es um das Vorwissen des Publikums bestellt war. Beantwortete man eine Frage sehr knapp, dann setzte man vielleicht zu viel Wissen voraus. Hätte man weiter ausgeholt, dann wären diejenigen unruhig geworden, die mit den Grundlagen vertraut sind und nur „Spezialfragen“ beantwortet wissen wollten. Die Bandbreite der Frage reichte von „welche agilen Methoden soll ich verwenden?“ bis hin zu „was ist die Idealbesetzung für die Rolle des Product Owners?“. Insgesamt hatte ich das Gefühl, zu wenig Zeit gehabt zu haben. Außerdem entwickelte sich aufgrund der Spielregeln (Publikum fragt, Experten antworten) keine Diskussion, wie ich sie beim Fishbowl erlebt habe (und trotz des fehlenden Ergebnisses sehr gut fand). Ein solcher Fishbowl oder auch ein Open Space zu ausgewählten agilen Themen wäre meiner Meinung nach für alle Beteiligten fruchtbarer gewesen.

Ich freue mich auf den nächsten Hamburger Scrumtisch am 9. Juli, wo wir ähnliche Themen diskutieren – und nicht nur beantworten.

Fishbowl: Unterscheide komplizierte und komplexe Probleme und finde die dazu passenden Methoden, Prozesse und Strategien

Gemeinsam mit Klaus Marquardt, Bernd Oestereich und Jutta Eckstein durfte ich dem ersten Fishbowl auf der SEACON Starthilfe geben. Die Diskussion drehte sich zunächst um die Frage, wie man die Begriffe „kompliziert“ und „komplex“ definieren kann, ohne allerdings eine von allen akzeptierte Definition zu finden. Einige Diskussionsteilnehmer verwendeten beide Begriffe synonym und fanden es wichtiger, mit der Problemlösung zu beginnen, als sich mit der Kategorisierung zu beschäftigen. Das andere Lager (dem auch ich angehöre) würde zur Lösung komplizierter Probleme einen Experten zu Rate ziehen. Bei komplexen Problemen reicht das nicht aus. Hier gibt es nicht „die richtige Antwort“, weil sich der Problemraum unvorhersehbar verändert. Was tun? Einfach anfangen und auf die Kraft der Emergenz vertrauen. Die wenigen Regeln und Prinzipien, die agilen Verfahren zugrunde liegen, reichen aus, um dem Projektteam einen Rahmen zu bieten, innerhalb dessen es dem Problem zu Leibe rücken kann. Und damit sind wir plötzlich bei der Agilität. Das war dann auch das dominierende Thema in der zweiten Hälfte des Fishbowl.

Am Ende fehlte vielen Teilnehmern der rote Faden und ein Ergebnis. Das lag sicherlich daran, dass man ohne Definition in die Diskussion über komplizierte und komplexe Probleme gestartet war. Vielleicht hätte sich die „Startmannschaft“ im Vorfeld ein wenig abstimmen sollen. Haften blieb aber eine sehr pragmatische Definition der beiden Begriffe, die einer der Fishbowl-Teilnehmer wie folgt formulierte: „Kompliziert sind die Probleme, für die ich keine Zeit habe. Komplexe Probleme sind jene, für die ich keine Lösung kenne.“